Der "Vogelkot" als Indikator verschiedener Erkrankungen

Dr. Alexandra Scope, Wien/A


Gefiederte Welt - Die Fachzeitschrift für Vogelfreunde und Züchter

Dieser Bericht wurde zuerst in der Zeitschrift Gefiederte Welt im Heft 6 2001 (125. Jahrgang) veröffentlicht. Wir danken für die freundliche Genehmigung zur Wiedergabe.


Inhalt

1. Verdauungs- und Harntrakt des Vogels

Zum Verständnis der möglichen Ursachen für Veränderungen des Vogelkotes sind Kenntnisse über die anatomischen Besonderheiten des Verdauungs- und Harntraktes des Vogels erforderlich. Die meisten Vogelarten haben einen Kropf, er ist eine sackartige Erweiterung der Speiseröhre, die als Futterspeicher dient. Hier wird das Futter angefeuchtet, es findet aber keine Verdauung statt. Der Vogelmagen gliedert sich in zwei Anteile.
Zuerst erreicht das aufgenommene Futter den Drüsenmagen, wo wichtige Verdauungssäfte wie z.B. Salzsäure und Pepsin zugesetzt werden. Danach wird der Futterbrei im Muskelmagen mechanisch durchgeknetet und zerrieben. Hierbei helfen kleine Steinchen, die vom Vogel in Form von Grit aufgenommen werden. Nachdem die Nahrungsbestandteile den Magen verlassen haben, erreichen sie den ersten Anteil des Dünndarmes. Hier münden die Ausführungsgänge der Bauchspeicheldrüse (Pankreas). Ihre Enzyme sind besonders wichtig für die Verdauung von Fetten und Stärke.
Der Vogeldarm und die dadurch bedingte Darmpassagezeit sind relativ kurz. Nicht alle Vögel besitzen Blinddärme, sie fehlen unter anderem bei Psittaziden, Finken und Tauben. An seinem Ende mündet der Darm in die Kloake. Hier enden ebenfalls die Harnleiter und die Geschlechtsorgane. Dies hat zur Folge, daß Vögel Kot und Harn nicht getrennt - wie die Säugetiere - sondern gemeinsam abgeben. Als weitere wichtige Besonderheit ist zu erwähnen, dass Vögel keine Harnblase haben, sondern ihren Harn in konzentrierter Form als Harnsäure absetzen.

Zusammensetzung von gesundem Vogelkot
Foto: Dr. Alexandra Scope

Vogelexkremente bestehen demnach aus folgenden Anteilen:

Kot:
Bräunlicher bis grünlicher, mehr oder weniger fest geformter Strang. Vogelarten, die einen Blinddarm besitzen (z.B. Hühnervögel) setzen darüber hinaus einen speziellen, grünlich-schaumigen Blinddarmkot ab.

Harn:
1. Harnsäurekristalle: Weißliche bis weißlich-gelbe Massen.
2. Flüssiger Harnanteil: Durchsichtige, farblose Flüssigkeit.

Gesunder Vogelkot
Foto: Dr. Alexandra Scope

Das Aussehen, die Konsistenz und Farbe sowie die Menge der Ausscheidungen wird von verschiedenen Umständen beeinflußt. Hierzu gehören beim gesunden Vogel zum Beispiel Art, Tageszeit, Futter und Futtermenge, Wassermenge und Fortpflanzungsaktivität. Beim kranken Vogel führen vor allem Infektionen, Parasiten, Vergiftungen, Leber und Nierenkrankheiten, Krankheiten der Bauchspeicheldrüse sowie Ernährungsfehler zu Veränderungen.

Durch die tägliche routinemäßige Kontrolle durch aufmerksame Vogelbesitzer können Veränderungen sehr bald erkannt werden. Dies kann wichtige Hinweise zur Diagnose vieler Krankheiten liefern und zu ihrer frühzeitigen Erkennung beitragen.

Einige typische Veränderungen und mögliche Ursachen:

Aufgrund der beiden Anteile der Ausscheidungen muß unterschieden werden in:
1. Veränderungen des Kotes
2. Veränderungen des Harnes

2. Veränderungen des Kotes

2.1. Farbänderung:

2.1.1. Beim gesunden Tier:

Durch Aufnahme von stark gefärbten Futtermitteln wie z.B. Heidelbeeren, Holunder, Kirschen, Karotten, Tierkohle oder durch Futterumstellung (z.B. Umstellung auf Pelletfütterung).

Dunkel oder rötlich gefärbter Kot
Foto: Dr. Alexandra Scope

2.1.2. Auffällig dunkel oder rötlich gefärbter Kot:

Durch Blutbeimengungen. Stammt das Blut aus dem oberen Verdauungstrakt, wird es bei der Darmpassage verdaut und färbt sich dadurch schwarzbraun. Stammt es aus dem Endteil des Darmes, färbt es den Kot mehr oder weniger deutlich rot bis rotbraun. Mögliche Ursachen: Verletzungen z.B. durch Fremdkörper, schwere Infektionen vor allem mit Bakterien, hochgradiger Parasitenbefall (z.B. Kokzidien), Vergiftungen (z.B. Schwermetalle).

2.1.3. Gelblich bis grünlich:

Gelblich bis grünlicher Kot
Foto: Dr. Alexandra Scope
Gelblich bis grünlicher Kot
Foto: Dr. Alexandra Scope

Bei Lebererkrankungen durch die vermehrte Ausscheidung von Gallenfarbstoffen. Mögliche Ursachen sind Leberentzündungen durch Bakterien (z.B. Psittakose - Papageienkrankheit), Viren (z.B. Pacheco'sche Papageienkrankheit) oder Parasiten. Leberschädigungen z.B. durch Vergiftungen können zu ähnlichen Farbveränderungen führen.

2.1.4. Blass graubraun und voluminös:

Blass graubrauner und voluminöser Kot
Foto: Dr. Alexandra Scope
Blass graubrauner und voluminöser Kot
Foto: Dr. Alexandra Scope

Bei schweren Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse durch eine Störung der Fett- und Stärkeverdauung.

2.2. Weicher Kotstrang:

2.2.1. Beim gesunden Tier:

Durch Futterumstellung oder Aufnahme größerer Mengen von Weichfutter oder Obst und Gemüse.

2.2.2. Echter Durchfall:

Durchfall (ungeformter Kot)
Foto: Dr. Alexandra Scope
Durchfall (ungeformter Kot)
Foto: Dr. Alexandra Scope

Der Kotanteil ist nicht geformt, zusätzlich können Gasblasen zu sehen sein, er kann unangenehm riechen. Oft sind im Zusammenhang mit Durchfall auch Farbänderungen in intensiv grün oder gelblich zu sehen. Mögliche Ursachen: Infektionen mit Bakterien, Viren oder Pilzen, Parasitenbefall.

2.3. Beimengungen:

2.3.1. Parasiten:

Parasiten im Kot
Foto: Dr. Alexandra Scope
Parasiten im Kot
Foto: Dr. Alexandra Scope

Nur bei sehr schwerem Befall sind schon mit freiem Auge Würmer im Kot zu sehen. In den meisten Fällen ist jedoch eine mikroskopische Untersuchung zum Nachweis von Parasiten oder deren Eier notwendig.

2.3.2. Unverdaute Körner:

Unverdautes Futter im Kot
Foto: Dr. Alexandra Scope
Unverdautes Futter im Kot
Foto: Dr. Alexandra Scope

Ein Alarmzeichen für eine schwere Erkrankung im Bereich des Kropfes, des Magens oder im Darm! Der Vogel leidet unter einer Verdauungsstörung, er frißt womöglich auffällig viel, kann das Futter aber nicht verwerten und verliert dadurch schnell an Gewicht und Kraft.
Mögliche Ursachen: Es kann sich um die Neurogene Magendilatation - eine unheilbare, viral bedingte Infektionskrankheit der Papageien handeln. Beim Wellensittich kann eine Infektion mit derzeit noch als „Megabakterien“ bezeichneten Erregern zu den gleichen Erscheinungen führen. Neuere Studien belegen, dass es sich bei ihnen aber mit großer Wahrscheinlichkeit um Pilze handelt. Aber auch andere Erkrankungen des Magen, Darmes, der Bauchspeicheldrüse oder Parasitenbefall sind in Erwägung zu ziehen.

3. Veränderungen des Harnanteiles

3.1. Vermehrte Flüssigkeitsausscheidung:

Die weißen Harnsäureauflagerungen des Kotes können fehlen, der Kotstrang schwimmt in einem Flüssigkeitssee.

3.1.1. Beim gesunden Tier:

Vermehrte Flüssigkeit im Kot (kein Durchfall!)
Foto: Dr. Alexandra Scope
Vermehrte Flüssigkeit im Kot (kein Durchfall!)
Foto: Dr. Alexandra Scope

Vermehrte Wasseraufnahme (Hitze), vermehrte Aufnahme von Obst, Gemüse oder Weichfutter. Bei Stress z.B. durch Transport, Tierarztbesuch, Ausstellung ist eine vermehrte Flüssigkeitsausscheidung normal, ebenso während der Legeperiode.

3.1.2. Erkrankungen der Niere:

Das Unvermögen der Nieren, den Harn zu konzentrieren führt zu starken Flüssigkeitsverlusten, damit zu Austrocknung und Bluteindickung. In diesen Fällen wird häufig auch vermehrte Wasseraufnahme beobachtet.
Mögliche Ursachen: Bakterielle Infektionen der Nieren, Nierenschädigung durch Gifte (z.B. Schwermetalle oder Pilztoxine), hormonelle Störungen.

3.1.3. Diabetes:

Verschiedene Formen des Diabetes z.B. Blutzuckerkrankheit (Diabetes mellitus) führen zu vermehrter Wasseraufnahme und damit verbundener vermehrter Flüssigkeitsausscheidung. Die Erkrankung ist beim Vogel selten.

3.2. Farbänderung

Wie beim Kot führen Lebererkrankungen häufig auch zu einer grünlichen bis gelblichen Färbung des Harnanteils durch vermehrte Ausscheidung von Gallenfarbstoffen. Blutungen im Bereich des Harntraktes führen zur rosa- bis roten Verfärbung des Harnes. Die Ursachen entsprechen jenen beim Kot.

3.3. Es wird nur Harn ausgeschieden, der Kotanteil fehlt oder ist stark verringert.

3.3.1. Beim gesunden Tier:

Harnanteil im Kot fehlt
Foto: Dr. Alexandra Scope
Harnanteil im Kot fehlt
Foto: Dr. Alexandra Scope

Der Vogel hat längere Zeit nichts gefressen („Hungerkot“). Dies kann der Fall sein, weil der Vogel kein Futter bekommen hat, oder es nicht erreichen konnte, bei längeren Transporten ohne Fütterung, oder am morgen vor der ersten Futteraufnahme, wenn sich der Darm in der Nacht entleert hat.

3.3.2. Der Vogel kann kein Futter aufnehmen:

Veränderungen im Bereich des Schnabelhornes oder in der Schnabelhöhle Mögliche Ursachen: Verletzungen, Fremdkörper, Beläge durch Bakterien, Sproßpilze oder Parasiten (Trichomonaden).

3.3.3. Keine Futteraufnahme:

Verschiedenste Erkrankungen führen zu Appetitlosigkeit, ebenso können Stress oder schmerzhafte Veränderungen zur Einstellung der Futteraufnahme führen.

3.3.4. Das Futter wird nach der Aufnahme wieder herausgewürgt:

Bei Erkrankungen des Kropfes wie Verletzungen, Entzündungen, Infektionen.
Mögliche Ursachen: Fremdkörper, Parasiten (z.B. Trichomonaden), Bakterien, Megabakterien, Pilze.

3.3.5. Passagestörungen:

Der Darminhalt wird nicht weitertransportiert.
Mögliche Ursachen: Kropfanschoppung, Magendilatation (z.B. Neurogene Magendilatation), Fremdkörper oder Tumoren im Bereich des Darmes, Verletzungen und Verwachsungen, Einengung des Darmes von außen z.B. durch steckengebliebene Eier bei Legenot oder Tumoren benachbarter Organe.

3.3.6. Verstopfung:

Bei Vögeln, im Gegensatz zu Säugetieren relativ selten.

3.4. Vermehrte Ausscheidung von Harnsäure:

Vermehrte Harnsäureausscheidung
Foto: Dr. Alexandra Scope
Gichtknoten in Füßen
Foto: Dr. Alexandra Scope

Der Kot ist mit überdurchschnittlich großen Mengen kreideartiger Harnsäure versetzt, der “weiße“ Anteil ist vermehrt. Ursache: Gicht - eine Erkrankung bei der vermehrte Mengen an Harnsäure anfallen, die sich einerseits an den Organen ablagern können (Viszeralgicht) oder mit den Nieren ausgeschieden werden. In fortgeschrittenen Fällen können vor allem an den Zehengelenken helle, knotige Auftreibungen gesehen werden. Es handelt sich dabei um Harnsäureansammlungen, sogenannte Gichtknoten, die sehr schmerzhaft sind. Die Ursachen werden in Fütterungsfehlern, Nierenschädigungen durch zurückliegende Krankheiten und angeborenen Stoffwechselstörungen vermutet.

4. Verteilung von Kot und Harn im Käfig

Kotverteilung bei Tag
Foto: Dr. Alexandra Scope

Gesunde Vögel sind tagsüber die meiste Zeit in Bewegung, demnach sind die Kotportionen über den gesamten zur Verfügung stehenden Raum verteilt. Ist das nicht der Fall, kommt es zu Ansammlungen von größeren Kotmengen an bestimmten Stellen des Käfigs. Dies deutet darauf hin, dass sich der Vogel nicht, oder nur wenig von der Stelle bewegt und kann als Anzeichen für eine Erkrankung gedeutet werden.


Kotverteilung bei Nacht
Foto: Dr. Alexandra Scope

Umgekehrt verhält es sich in der Nacht. Normalerweise sammelt sich der Kot unter den bevorzugten Schlafplätzen an. Bei Beunruhigungen der Vögel z.B. durch Ektoparasiten (Milben, Federlinge) schlafen die Tiere nicht durch, sondern wechseln öfter die Sitzplätze.


5. Empfohlene weitere Untersuchungen zur Diagnosestellung

5.1. Parasitologische Kotuntersuchung:

Eine frische Kotprobe wird mikroskopisch auf das Vorhandensein parasitärer Objekte (Einzeller, Wurmeier) untersucht. Die Behandlung ist abhängig von der Art der Parasiten!

5.2. Bakteriologische Untersuchungen:

Um eine Aussage über bakteriell bedingte Darminfektionen treffen zu können, empfiehlt sich die Entnahme von Kloaken- ggf. auch von Kropftupfern. Die Untersuchung von Kotproben, die vom Boden entnommen wurden, ist problematisch, da diese verunreinigt sein können. Im Rahmen dieser Untersuchung können auch Pilzinfektionen nachgewiesen werden.

5.3. Untersuchung auf Psittakose:

Erreger der Papageienkrankheit sind Chlamydien. Es sind Organismen aus der Gruppe der Bakterien, die besondere Verfahren für ihren Nachweis benötigen. Zur Untersuchung können Tupfer oder Kotproben herangezogen werden.

5.4. Viren:

Der Nachweis von Viren bei Ziervögeln ist in vielen Fällen schwierig. Nicht für alle Krankheiten stehen spezielle Verfahren zur Verfügung. Manche Erreger können mit Hilfe von Blutproben nachgewiesen werden.

5.5. Röntgen:

Röntgenaufnahmen helfen oft bei der Diagnose von Erkrankungen des Magen-Darmtraktes, aber auch bei Veränderungen der Niere und Gonaden. In manchen Fällen sind Kontrastmittelstudien erforderlich. In letzter Zeit wird auch beim Vogelpatienten immer häufiger die Ultraschalluntersuchung herangezogen.

5.6. Blut:

Die Untersuchung von Blutproben liefert wichtige Zusatzinformationen zur Ursache und zum Schweregrad der Erkrankungen und ermöglicht die eindeutige Diagnose von Gicht.

6. Fazit

Wie anhand der oben genannten Beispiele gezeigt werden wurde, liefert die genaue Kontrolle des „Vogelkotes“ eine Reihe von Hinweisen auf verschiedenste Erkrankungen. Bei aufmerksamer Beobachtung können viele Probleme bereits im Frühstadium entdeckt werden, dies wirkt sich positiv auf einen Behandlungserfolg aus. Zur Feststellung der genauen Ursachen ist aufgrund der zahlreichen möglichen Ursachen für derartige Veränderungen eine Tierarztbesuch jedoch unumgänglich. Die genaue Beschreibung der beobachteten Veränderungen hilft in jedem Fall, die möglichen Ursachen einzuengen und gezielte weiterführende Untersuchungen durchzuführen.

Autorin

Dr. Alexandra Scope
Vogelstation der Universitätsklinik für Geflügel
Veterinärmedizinische Universität Wien
A-1210 Wien, Veterinärplatz 1
Tel.: 00431 / 250 77 / 5159
E-Mail: alexandra.scope@vu-wien.ac.at


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